Hermann Pilz – Kommentar zur Neujahrs-Ansprache von Angela Merkel – 15.1.2019

Sehr geehrte Frau Dr. Angela Merkel, sehr geehrter Herr Dr. Markus Söder (als Dienstherr),
ich möchte nun doch noch auf ihre Ansprache(n) zum neuen Jahr eingehen, da ich diese Heuchlerei nicht mehr ertragen kann.
Sie (beide) dankten denen, die an den Feiertagen ihren Dienst tun und nicht bei ihren Lieben sein können.
Aber, auf ihre “warmen Worte” kann ich verzichten.
Ich fühle mich verarscht und seit Jahren auf die lange Bank geschoben. Seit Herrn Rösler mit dem “Jahr der Pflege” 2011 hat sich absolut n i c h t s für uns Pflegede geändert.
Die Arbeit hat sich weiter verdichtet, die Bezahlung ist weiterhin unterirdisch und das Personal wird immer knapper. Durch die Überlastung steigt die Krankheitsrate und es gibt immer mehr Aussteiger.
Sie zeichnen ein Bild der Pflege in die Landschaft, das dem der Schwarzwaldklinik aus den 1980ern entspricht. Hier ein wenig Frühstück bringen und dort ein paar warme Worte zum Patienten, während sich die Schwestern darum bemühen, einen Arzt abzubekommen. Herr Jens Spahn mit seinem durchwegs bescheuerten Film tut sein übriges dazu.
Die Realität sieht aber anders aus und deshalb steigen auch viele schnell wieder aus. Ich habe sogar Schüler erlebt, die sagten, nach der Ausbildung mache ich was anderes.
Sie haben nicht den blassesten Schimmer, womit man es in der Pflege zu tun hat.
Jeder hat schon mal Sputum aus seinem Gesicht und den Haaren entfernen müssen, weil der Patient beim absaugen der Trachealkanüle gehustet hat und einem das Zeug entgegen flog.
Jedem ist schon Blut über die Hände gelaufen oder Fäkalien über die Schuhe.
Jeder stand schon in diversen Lachen.
Jeder kennt die Situation, wenn du eine halbe Stunde lang versuchst, den Patienten mit Durchfall sauber zu bekommen.
Jedem hat ein Patient schon einmal beim duschen in die selbige gestuhlt.
Jeder hatte schon eine Stichverletzung.
jeder hatte schon das erhebende Gefühl, einen nicht isolierten Patienten zu betreuen und am nächsten Tag heißt es, der hat TBC oder ähnliches.
Man braucht bestimmte Skills, um diesen Beruf zu machen. Die hat nicht jeder, weshalb ich die unsäglichen Ideen, diese oder jene Gruppe in die Pflege zu stecken, zum kotzen finde.
Was machen sie, wenn sie einen Patienten gerade vom Stuhlgang befreit haben, der Krankengymnastik bei der Mobilisation helfen und der Patient im stehen sagt “Pfleger, da kommt noch was”?
Ich hielt meine Hand drunter… (Ich hatte natürlich Handschuhe an)
Was machen sie, wenn sie, aus der Pause gerufen, zum Patienten gehen, noch den Bissen der Semmel im Mund, und dieser schwallartig erbricht? Ich halte ihm die Nierenschale hin, während ich meine Semmel hinunter schlucke.
Was machen sie, wenn das Sekret bei einer endotrachealen Absaugung zäh, grau und jauchig heraus kommt? Die meisten würden wohl dabei erbrechen. Das wäre aber sehr unprofessionell.
So viel erst einmal zu den wichtigen Skills.
Ich habe das “Glück/ Pech”, an einer Uniklinik zu arbeiten.
Das heißt, immer wieder neue Ärzte, die frisch von der Uni kommen. Die sich durch kämpfen müssen und, dank des Finanzdrucks, oft alleine da stehen. (Ja, auch hier wird das System kaputt gespart.)
Als Pflegekraft ist man also auch gefordert, Anordnungen zu hinterfragen und sie bei Bedarf korrigieren zu lassen. Falsche Dosierungen, ein Schreibfehler, unklare Anordnungen, das kann ein Menschenleben fordern.
Es gibt immer wieder Neuerungen, bei denen sich in der Übertragung auf ein neues Medium / System Fehler einschleichen. Hier sind wir eine weitere Kontrollinstanz.
Wir Sind geschult, selbständig Chemos anzuhängen. Welche enorme Verantwortung das bedeutet dürfte selbst Laien klar sein.
Faktor Zeit:
Pflegende sich wohl wie Hummeln, die nicht wissen, dass sie nicht fliegen können.
Pflegende könnten ihre Arbeit eigentlich auch nicht schaffen. Nicht einmal ansatzweise.
Berechnungen setzen einen Wert von 1,5 bis 2 Stunden allein für die Händedesinfektion voraus.
Für die Dokumentation, sollte sie wirklich alles umfassen, kann man nochmals den gleichen Wert ansetzen. Visite, Wege zwischen den Patienten, Pause (Die fällt ja schon oft unter den Tisch), Toilettengang (Fällt auf Grund der fehlenden Nahrungsaufnahme auch oft unter den Tisch), Gespräche mit Angehörigen, Visitenbegleitung, Kontakt mit dem Sozialdienst, Absprachen mit den Krankengymnasten, Vorbereitung von Infusionen und sonstigen Medikamentengaben. Da bleibt für die Patientenversorgung nur noch ein Bruchteil der Arbeitszeit übrig.
Es ist heute wichtiger, die Lagerung zu dokumentieren, als sie tatsächlich durchzuführen. Mit etwas Glück bekommt der Patient keinen Dekubitus.
D a s ist das echte Bild der Pflege.
D a s sollte vermittelt werden.
D a s müssen Personen können, um hier zu arbeiten und
d a s sollte auch entsprechend monetär gewürdigt werden.

Ja, es geht ums Geld!

Es gibt viele Menschen, die diesen Beruf machen würden und könnten. Sie sind nur nicht dumm genug zu sagen, ja, für die paar Kröten mach ich das.
Wäre die Bezahlung deutlich besser, ich spreche hier explizit von einer Verdoppelung der Gehälter, hätten wir kein Nachwuchsproblem.
Wäre es nicht so, dass das Gehalt mit der Entfernung vom Patientenbett steigt, hätten wir mehr Personal in der Patientenversorgung.
Bitte kommen sie mir nun nicht mit der Leier, dass jede neue Pflegekraft voll finanziert wird.
Sie verarschen damit uns alle, die bereits extrem viel für dieses kranke System geleistet und geopfert haben. Wir bleiben auf der Strecke.
Neuanstellungen bekommen Vorausgewährungen bis in die höchsten Stufen.
“Die Alten” schauen in die Rohre.
Es gibt in der Pflege, nach rund 15 Jahren keine weitere Gehaltssteigerung mehr.
Da heißt im Extremfall, 30 Jahre ohne Aussicht auf eine Lohnsteigerung.
Zu meinem Gehalt (ikl. Wechselschichtzulage) meinte ein BMW Arbeiter (Werksvertrag) schon, “dafür würde ich nicht einmal aufstehen”.
Was sie und ihre Kolleg*innen hier treiben ist moderne Sklaverei und Ausbeutung, wie sie die Südstaatenfarmer in den 1860ern betrieben haben.
Auspressen und unter Druck setzten, bis “das” Pflegekraft zusammen bricht. Dann kann “es” weg. (Der Vergleich stammt übrigens von einer Person, die auf BR24 kommentiert hatte) Sie sprach auch von einer Vergewaltigung unserer Arbeitskraft. Ich finde den Vergleich sehr passend.

Pflegekräfte sind die Sklaven des deutschen Gesundheitssystems.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich schon zum TBC Test musste, weil wieder mal ein Patient plötzlich positiv war.
Die Gedanken, wen könnte ich in der Zwischenzeit alles infiziert haben. Bin ich nun doch positiv? Kann ich noch weiter arbeiten, oder brauche ich Medikamente?

Wie viele Pflegekräfte haben gebangt, nach einer Stichverletzung HIV positiv zu sein?

Wie viele Pflegekräfte werden wohl in Altersarmut enden, weil sie in jungen Jahren schon die Arbeitszeit verkürzen mussten, damit sie den Druck aushalten?

Wie viele Pflegekräfte haben sich schon das Leben genommen, weil sie das System kaputt gemacht hat?

Unter all diesen Gesichtspunkten fühlen sich ihre warmen Worte zum neuen Jahr so an, als würde mir ein Patient auf die Schuhe pinkeln. Es ist ekelig, aber ich kann es leider nicht ändern.

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